Hans Fähnle | Biographisches

Volker Caesar: "Kunstmaler und Chauffeur - Hans Fähnle in Werben". In: Heimatjahrbuch für den Landkreis Teltow-Fläming, 27. Jg. 2020, herausgegeben vom Landkreis Teltow-Fläming.

"Kunstmaler und Chauffeur - Hans Fähnle in Werben" - so hat Volker Caesar seinen Aufsatz überschrieben, der gerade (November 2019) im Heimatjahrbuch für den Landkreis Teltow-Fläming erschienen ist. Der Beitrag schildert die Malaufenthalte Hans Fähnles auf dem Gutshof Werben südlich von Berlin im heutigen Landkreis Teltow-Fläming. Fähnles Bruder Ernst verwaltete diese Berliner Stadtgut von 1928 bis 1931 und ermöglichte dem Maler z.T. monatelange Malaufenthalte auf dem Lande.

 

Kunstmaler und Chauffeur - Hans Fähnle in Werben. Aufsatz von Volker Caesar in: Heimatjahrbuch für den Landkreis Teltow-Fläming, 27. Jg. 2020, herausgegeben vom Landkreis Teltow-Fläming.
Kunstmaler und Chauffeur - Hans Fähnle i[...]
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Ein Fragment im Briefnachlass

1935: Hans Fähnle sieht die Tizian-Ausstellung in Venedig

Die Ankündigung der großen Tizian-Ausstellung im Städelmuseum Frankfurt (noch bis 25. Mai 2019) rief in Erinnerung, dass sich auch Hans Fähnle eingehend mit diesem "Alten Meister" befasst hat. Lesen Sie selbst, was es mit dem Fragment und Fähnles Kunstreise auf sich hat.

 

Der Ausstellungspalast Ca' Pesaro in Vendig. Foto: Andrzej Otrebski/Polen 2013, wikimedia gemeinfrei

 

Ein Fragment im Briefenachlass

Hans Fähnle sieht Tizian in Venedig 1935

Volker Caesar März 2019

 

 

Das Städelmuseum Frankfurt zeigt bis zum 25. Mai 2019 »Tizian und die Renaissance in Venedig«. Schon zu Hause kann man sich auf der Webseite des Städel[1] Appetit holen auf dieses Kunstereignis. Vor nunmehr 84 Jahren entwickelte sich auch bei Hans Fähnle großer Appetit, Tizians Werke aus der Nähe und am Schauplatz seines Schaffens zu erleben: Die große Tizianausstellung in Venedig 1935!

 

1935 ist ein ereignisreiches Jahr für Hans Fähnle: Im Januar entscheidet er sich für Stuttgart als zukünftigen Lebensmittelpunkt. Zunächst haust er im Erdgeschoss eines kalten und viel zu dunklen Wohnateliers in der Cannstatter Eisenbahnstraße. Er knüpft alte Kontakte wieder an und erweitert seinen Stuttgarter Freundeskreis. Den Eltern kann er Anfang Dezember berichten: … Hab nun ein Atelier in Stuttgart Schützenstrasse 21 ... Endlich ein richtiges Atelier 5x6 m und kleinen Nebenraum und Flur mit eigener Glastüre. Ist zu laufen vom Hauptbahnhof nur ca. 5 Minuten, Blick ist wunderbar über die Stadt. … Bis zur Kriegszerstörung 1944 ist dies Fähnles Wirkungsstätte.

 

Noch kurz vor dem glücklichen Aufspüren seines neuen Ateliers entflieht Fähnle seiner kalten Cannstatter Wohnung und reist nach Venedig. Dort hat im April König Viktor Emanuel III. die große Tizian-Ausstellung eröffnet, die mit rund 100 Gemälden und Zeichnungen das Lebenswerk des berühmten Venezianers präsentierte.[2] Höchste Zeit für Hans Fähnle in die Lagunenstadt aufzubrechen, denn Anfang November soll die spektakuläre, hochversicherte Ausstellung zu Ende gehen. Die vom langjährigen Leiter der Ca‘ Pesaro, Nino Barbantini, kuratierte Tizian-Ausstellung wird für lange Zeit Vorbild für "große Ausstellungen" (1937 zeigt Barbantini ‚Tintoretto‘).

 

Nicht nur die Ausstellung selbst sondern auch der Ort ihrer Präsentation war spektakulär: Der barocke Palast Ca‘ Pesaro am Canal Grande, 1659 im Auftrag des Dogen Giovanni Pesaro von Baumeister Baldassare Longhena begonnen, konnte nach wiederholter Unterbrechung erst 1710 fertiggestellt werden. Seit 1902 ist er der herausragende Ausstellungspalast der Stadtgemeinde Venedig.

 

 

Das Fragment

 

Von Fähnles Aufenthalt in Venedig zeugt das Fragment einer Postkarte mit Poststempel VENEZIA FERROVIA und dem Datum 9. Oktober 1935. Selbst als Fragment gibt die Karte noch verlässlich Auskunft - die zweite Kartenhälfte ist vielleicht einem „Briefmarkenraub“ zum Opfer gefallen. Den Gruß an seine Mutter notiert Fähnle mit Bleistift auf einer Kunstpostkarte der Tizianausstellung. Deren Bildseite ziert Tizians Ölgemälde "Tobia e L'Arcangelo Raffaele“ (Tobias und der Engel, um 1545-49, in der Chiesa di San Marziale)[3].

 

Venezia-Lido, Via Cipro 20.

L. Mutter, seit vorigen Donnerstag wohne ich bei Ulrich Elsenhans m. alten Conpromotionalen [4]am Lido. Geht mir ausgezeichnet. Über Samstag-Sonntag fahre ich nach Florenz. Anfang nächster Woche über Gardasee zurück. Hoffe, Ihr seid alle gesun[d …] wohlauf! Ist Vater sch[…] zurück? Herzlichste […] auch an Gotthold De[…]

u. Vater

Mitte nächster Woche […] wieder in Überl. sein […]

 

Hans Fähnles Venedigreise dauert knapp 2 Wochen, etwa vom 3. bis 15. Oktober 1935. Er hat das unverschämte Glück, sich in Venedig nicht einmieten zu müssen. Unterkunft findet er bei dem gleichaltrigen Ulrich Elsenhans, mit dem er in Urach dieselbe Schulbank gedrückt und 1922 die Reifeprüfung abgelegt hat. Beide gehören zu den Absolventen des Evangelisch Theologischen Seminars, die nicht Pädagogen oder Theologen sein wollten.

 

Das Haus/die Wohnung von Ulrich Elsenhans in der Via Cipro 20 auf dem Lido ist auch heute noch ein idealer Ausgangspunkt für Exkursionen in die Lagunenstadt. Am nördlichen Ende des Lidos begleitet die Straße einen kleinen Seitenkanal, der an beiden Ende mit der Lagune verbunden ist. Die Fähren zur Stadt erreicht man in wenigen Gehminuten und zum Vergnügen liegt ein eigenes kleines Boot am Kanal. Das zu den kleineren Anwesen in diesem ruhigen Quartier zählende Haus scheint die Jahrzehnte weitgehend unverändert überstanden zu haben.[5]

 

 

Reisebericht an den „großen“ Bruder

 

Unmittelbar nach seiner Rückkehr aus Italien schildert Hans Fähnle aus Überlingen seine frischen Reiseindrücke. In ihrer Liebe zur Kunst verbunden tauschen sich die Brüder in ihren Briefen regelmäßig über Erlebtes, Gesehenes und Empfundenes kunstkritisch aus. Zwei Jahre zuvor hatte Ernst Fähnle[6] auf einer ausgedehnten Radtour durch Deutschland mehrere große Museen und Ausstellungen besucht und sandte dem „kleinen“ Bruder einen ausführlichen Brief.

 

17. Okt. 35. Überlingen.

Lieber Ernst,

 

seit gestern bin ich wieder von Italien zurück. – Ich hab die ganze letzte Zeit bei meinem ehemaligen Compromotionalen und Nebensitzer Elsenhaus in Venedig gewohnt. Sonst hätt ichs mit meinen paar Mark keine 8 Tage ausgehalten. Mit einer Sonntagsfahrkarte war ich noch in Florenz, das voll ist der unglaublichsten Kunstschätze. Palazzo Pitti, Uffizien und Mediceerkapelle (Plastiken Michelangelo’s), vor allem Raffael hab ich sehr studiert, ist mit etwa 20 Hauptwerken vertreten. In den Uffizien ist selbst Dürer, Rembrandt, Liebermann gut vertreten.

 

In der Tizianausstellung in Venedig war ich bald 20 mal, zu jeder Tageszeit und Beleuchtung. Ein paarmal hatte ich schon ganz großartige intensive Eindrücke. Ansonsten ist das Venedig eine ganz märchenhafte Stadt, fast ganz aus Marmor und lauter Kanälen. Das Licht und die Farben sind unglaublich, unwahrscheinlich schön und klingend. Ich hab ein paarmal an Dich gedacht und daß wir später eine Reise nach Italien miteinander machen. Die Fahrkarte von Chiasso bis Sizilien hinunter kostet ca. 250 Lire ungefähr 50 M-. Doch lässt sich für die nächste Zukunft zu wenig sagen, höchstens so viel, daß wir uns auf allerhand gefasst machen können. …

 

Italien das Land an sich hat mir so einen guten Eindruck gemacht, daß ich verstehen kann, warum seit der Völkerwanderung die Deutschen immer wieder hier runter drängen. Wenn Du wieder über den Gotthard zurück fährst, hört das Leuchten auf

und alles wird härter und grauer.

 

Nur daß man die Sprache da unten nicht kann, lässt einen doch sehr empfinden, daß man in der Fremde ist. Man kommt aber mit Deutsch und Französisch leidlich durch.

 

Von Elsenhans’ Haus aus, das am Lido liegt, hab ich mit seinem Ruder- und Segelboot häufig Partien auf die Lagune hinaus gemacht nach Murano, Porcello u. Malamocco, es hat da viele Inseln und die Lagune ist insgesamt nicht viel kleiner als der Bodensee.

 

Vom Krieg[7] merkt man in Venedig wenig, der Venezianer hat wenig Begeisterung für so was, anders in Mailand und Rom. Kriegsschiffe, viel Militär und Miliz, Militärflieger und die Forts mit den langen Kanonen ist das Einzige, was einem auffällt.

 

Jedenfalls bin ich sehr befriedigt von dieser ganzen Reise, vor allem hat mir gut getan, mal wieder ganz große Kunst zu sehen.

 

In Zürich bin ich auf dem Rückweg ausgestiegen und hab die dortige Ausstellung schweizer Maler angesehen[8]. Das Beste ist frisch dekorativ (auf der Linie Matisse, überhaupt stark französischer Einfluss), im Ganzen wird man den Eindruck einer gewissen Oberflächlichkeit und Problemlosigkeit (menschlicher Spannungslosigkeit) nicht los. –

Anfang nächster Woche fahr ich wieder nach Cannstatt, höchste Zeit, daß ich mal wieder was verdiene. Bin gespannt, wie ich mich da weiterhin durchschlage. Wenns geht, werd ich mir[9] nach einem helleren Raum sehen. Ich schreib Dir dann wieder mal. Lass auch einmal ein bischen von Dir hören und nimm für heut die herzlichsten Grüße von

 

Deinem getreuen Hans

 

 

Der Druck der Nazis auf den Kunstbetrieb nimmt Mitte der 30er Jahre weiter zu. Zu einer vorübergehenden Verlangsamung trägt allenfalls der internationale Blick auf Deutschland vor und während der Olympiade 1936 bei[10] und erleichtert vermutlich Hans Fähnles große Ausstellung im Stuttgarter Kunsthaus Schaller 1936, allerdings auch seine letzte für die kommenden zehn Jahre. Ab 1937 nehmen die schmerzhaften Einschränkungen künstlerischer Freiheit rapide zu.

 

Für das Jahr 1935 darf Fähnle jedoch für sich noch eine positive Bilanz ziehen: Er wird „sesshaft“, findet in Stuttgart einen Sammlerkreis für seine Bilder und zieht zum Jahreswechsel in sein neues Atelier. Mit der Reise nach Venedig und Florenz belohnt er sich rechtzeitig selbst und erweitert zugleich seine in Berlin, Kassel, Paris und Frankfurt erworbene Kennerschaft „Alter Meister“.[11] In seiner Überlinger Handbibliothek zeugt von dieser ergiebigen Kunstreise der Katalog: Mostra di Tiziano Venezia 1935.

 

Den Katalog erwirbt Fähnle damals in der italienischen Originalausgabe. Bei den wiederholten Ausstellungsbesuchen hat er sein Exemplar immer zur Hand (… In der Tizianausstellung in Venedig war ich bald 20 mal, zu jeder Tageszeit und Beleuchtung…). Das besondere Interesse gilt auch diesmal dem eingehenden Studium von „Farbtechnik und Farbkultur“. Die bei Tizian beobachteten Farbtöne und Farbwerte notiert Fähnle mit Bleistift direkt neben und in die schwarz-weißen Katalogabbildungen. Das ermöglicht ihm, den gewonnenen Farbeindruck des Originals verlässlich in Erinnerung zu rufen.

 

[2] “Il re inaugura la mostra di Tiziano”. Istituto Luce Cinecittà, veröffentlicht 15.06.2012: https://www.youtube.com/watch?v=B7N4lSxgM-A

[4] Ulrich Elsenhans (1903-1979), Mitabiturient Hans Fähnles im Ev. Theologischen Seminar Urach 1922; später Prokurist, verstorben in Vermes/Schweizer Jura

[6] Ernst Paul Georg Fähnle (1899-1984), Dipl.-Landwirt und Bildhauer

[7] Italienisch-Äthiopischer Krieg (1935–1936), sog. Abbesinienkrieg

[8] Kunsthaus Zürich: http://www.kunsthaus.ch/de/information/ueber-uns/geschichte/

Ausstellung Schweizer Maler: Evtl. anlässlich der Schenkung Hans E. Mayenfisch; Sammler und Förderer von schweiz. Gegenwartskunst und Mäzen des Zürcher Kunsthauses, dem er 1929 seine Sammlung und die Anwartschaft auf seine künftigen Erwerbungen vermachte. 1932-53 Vorstand der Zürcher Kunstgesellschaft/Kunsthaus. http://www.hls-dhs-dss.ch/textes/d/D27745.php

[9] Achtung, Schwäbisch!

[10] Vgl. die Beobachtungen Samuel Becketts während seiner kunstgeschichtlichen Deutschlandreise 1936/37: Erika Tophoven. Becketts Berlin, 2005.

[11] Hans Fähnle Berlin 1929: … Nächste Woche fang ich an, jede Woche einen Tag im Kaiser-Friedr. Museum [heute Bode-Museum] zu kopieren. … Tizian hätte ich gern kopiert, aber die 3 Bilder

von ihm sind bis nächsten Sommer schon im Voraus von Kopisten belegt, überhaupt fast allen den Bildern, die ich gerne kopieren würde, ist aus erst genanntem Grund in absehbarer Zeit nicht beizukommen. … Die Venezianer und Rubens, die liegen mir, man kann, was Farbtechnik und Farbkultur anbelangt, unheimlich viel bei ihnen lernen…

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Ein Fragment im Briefenachlass: 1935 - Hans Fähnle sieht die große Tizian-Ausstellung in Venedig
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16. Oktober 2016:

Dr. Jochen Goetze bei seinem Vortrag in der Galerie Fähnle

 

Hans Fähnle - Physiognomie und Abstraktion.

 

 

 

>>> Der Vortagstext zum Herunterladen und Nachlesen <<<

 

Hans Fähnle. Physiognomie und Abstraktion. Vortrag Dr. Jochen Goetze. 16.10.2016
Hans Fähnle. Physiognomie und Abstraktio[...]
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Katalog 2013 >Hans Fähnle.Maler<

 

 

 

 

 

 

Eine Fundgrube zur Biografie - Das Katalogbuch: Hans Fähnle. Maler

 

Die Bearbeitung der großen Retrospektive >Hans Fähnle. Maler aus Flein< und des dazu erschienenen Katalogbuch bedurfte erheblicher Vorarbeiten, u. a. die Auswertung des umfangreichen Briefnachlasses. So konnten viele, bislang unbekannte Einzelheiten seines künstlerischen Werdeganges und seiner persönlichen Kontakte zu Freunden, Künstlern und Zeitgenossen zu Tage gefördert werden. Der gesamte neue Kenntnisstand hat in mehreren, reich bebilderten Fachbeiträgen seinen Niederschlag in diesem Katalogbuch gefunden.

 

In der nachstehenden pdf-Datei finden Sie als kleinen Vorgeschmack auf das unentbehrliche Katalogbuch die dort abgedruckte, bebilderte Biografie Hans Fähnles.

Auszug aus dem Katalogbuch >Hans Fähnle. Maler<, erschienen zur Ausstellung in Flein 2013.
Biografie Hans Fähnle Katalog Flein 2013[...]
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Hans Fähnle 1933/34: Brieftexte und Bilder aus einer norddeutschen Landschaft an Elbe und Sude: Das niedersächsische Dorf Preten
1933-34. Hans Fähnle im niedersächsische[...]
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Lebensweg eines Malers der "Verschollenen Generation"

Durch zwei Weltkriege - Vom Kaiserreich durchs Dritte Reich in die junge Bundesrepublik

Fotopostkarte der Kunstakademie Kassel vom 25.1.1926 Hans Fähnle an die Familie: "X mein Atelier". Familienarchiv Hans Fähnle.

2013 konnten wir Hans Fähnles 110. Geburtstag begehen. Am 12. Juni 1903 in Flein bei Heilbronn geboren, wo der Vater Schuldirektor war, wurde seine Schulzeit am Karlsgymnasium in Heilbronn und den Theologischen Seminaren in Schöntal und Urach mit dem Abschluss des Abiturs durch den Krieg überschattet. Zunächst mit dem Berufsziel Zeichenlehrer begann er 1922 sein künstlerisches Studium in Stuttgart an der Kunstgewerbeschule und setzte es an der Kunstakademie bei den impressionistisch geprägten Professoren Robert Poetzelberger, Christian Speyer und Robert Breyer fort.

 

Ende 1924 wechselte er an die Berliner Vereinigten Staatsschulen für Kunst in ein Meisteratelier des Grafikers und Malers Hans Meid und ging 1925 an die Kunstakademie Kassel als Meisterschüler von Georg Burmester. Der Kasseler Zeit folgten ab 1928 künstlerische Wanderjahre zwischen Berlin, Bodensee, Hofheim/Taunus, Frankfurt/Main, Stuttgart und Orten in der norddeutschen Provinz oder an der Ostsee, wo sein Bruder Ernst als Gutsverwalter tätig ist.

Ende 1930er Jahre im Stuttgarter Atelier Schützenstraße. Foto: Familienarchiv.

1935 ließ sich Hans Fähnle endgültig in Stuttgart nieder, zunächst in Bad Cannstatt, dann in der Schützenstraße 21. In seinen letzten zwei Jahrzehnte wohnte und arbeitete er im bis heute erhaltenen, städtischen Atelierhaus Ameisenbergstraße 61. Unmittelbare Ateliernachbarn waren sein lebenslanger Malerfreund Rudolf Müller, der ältere Eugen Stammbach und Heinrich Kübler. Den Bodensee suchte er seit 1926 immer wieder zum Malen auf. Seit dem Umzug der Eltern in ihren Überlinger Altersruhesitz in der Goldbacher Straße hatte er auch dort ein ständiges Atelier.

Trotz künstlerischer Gleichschaltung durch die Reichskunstkammer ab 1933 widmete das Kunsthaus Schaller Hans Fähnle noch 1936 eine erfolgreiche Einzelausstellung. Für seine expressiv realistischen Werke blieb ihm jedoch nur ein kleiner Kreis privater Sammler - der künstlerische Überlebenskampf zermürbte ihn. Sein Bruder Ernst schilderte diese schwierige Phase: „…Die Hitlerzeit lässt ihn sehr zurückgezogen leben. Einigen treuen Freunden verdankt er das Existenzminimum, denn er hat nun endgültig darauf verzichtet, Zeichenlehrer zu werden…“

 

1941 wurde er Soldat, von 1943 bis 1945 bei einem Transportsicherungsregiment in Russland, Frankreich und auf dem Balkan eingesetzt. 1944 fielen sein Atelier und Teile seines Werkes den Bomben zum Opfer. Zu diesen Verlusten kam ein beginnendes Leiden, das ihn von nun an nicht mehr los lassen würde: Eine zunehmend schmerzhafte Krankheit in den Beinen mit langen Phasen der Schlaflosigkeit - vielleicht eine Folge des ungeschützten Umgangs mit schwermetallhaltigen Farben oder, nach Einschätzung seines späteren Arztes, das „Burning Feet-/Restless-Legs-Syndrom“ - für die zu dieser Zeit noch keine Therapie zu finden war.

Hans Fähnle um 1950. Familienarchiv Hans Fähnle.

Die Rückkehr aus Gefangenschaft zeigt Hans Fähnle jedoch keineswegs entmutigt. Gemeinsam mit Rudolf Müller, dem Malerfreund der frühen Akademietage, wirkt er ab 1946 beim Wiederaufbau des Stuttgarter Atelierhauses Ameisenbergstraße mit. 1947 ist er Gründungsmitglied und zeitweilig Dozent der Freie Kunstschule Stuttgart, seit der Gründung 1955 Mitglied des Künstlerbundes Baden-Württemberg und dessen Jury sowie der Künstlergruppe Freie Gruppe Stuttgart.

Langjährige Freundschaften verbinden ihn mit dem Kreis um Wilhelm Geyer und mit Künstlern wie Richard Hohly, Heinrich Wildemann, Franziska Sarwey, Franz Frank oder der Malerin und Galeristin Hanna Bekker vom Rath, die den jungen Maler sehr fördert, ihm schon seit den 1920er-Jahren wiederholt Aufenthalte in Berlin, Hofheim  am Taunus und Frankfurt am Main ermöglicht oder ihre eigenen Atelierräume nutzen ließ.

Im Überlinger Garten Ende der 50er Jahre. Familienarchiv Hans Fähnle.

Das impressionistisch geprägte Frühwerk wird in den 1930er Jahren von einer zunehmend expressiven Malweise abgelöst. Unterdrückung und Krieg finden in den expressiven Kreidezeichnungen der Mappe „Passion 1942“ ihren konzentrierten Niederschlag. Im Jahrzehnt nach 1945 verarbeitet Hans Fähnle die Erfahrungen der NS-Zeit in ausdrucksstarken Figuren und Figurengruppen, experimentiert mit surrealen Motiven und steigert seinen pastosen Farbauftrag noch. Daneben bleibt er seinen expressiv gegenständlichen Blumenbildern treu, die er immer wieder „vor der Natur“, in den Gärten der Familie und Freunde treffsicher und farbensprühend einfängt. Neben Reiseeindrücken beschäftigen ihn bis zuletzt die Bodenseelandschaft, religiöse Themen und Szenen existenzieller Erfahrung als Folge seiner Kriegserlebnisse und des eigenen Leidens. Im letzten Lebensjahrzehnt verdichtet er seine aus Figur, Natur und tiefem menschlichen Empfinden gewonnenen Motive zu abstrakten, starkfarbigen Zeichen von berührender Symbolkraft. Unter diesen Motiven entfalten die sogenannten „Dückdalbenbilder“ eine besondere Faszination: Einzelne Pfähle oder Pfahlgruppen im Wasser werden mit Himmel, Sonne oder Mond und deren Spiegelungen zum unverwechselbaren Extrakt seiner Bodenseelandschaften.

 

Am 12.03.1968 Stuttgart stirbt Hans Fähnle in seinem Stuttgarter Atelier in der Ameisenbergstraße 61 an den Folgen eines krankheitsbedingen Sturzes.

 

 

Seit seiner Gründung 1955 ist Hans Fähnle engagiertes Mitglied im Künstlerbund Baden-Württemberg, zeigt seine Werke bei dessen Jahresausstellungen, ist wiederholt Mitglied der Ausstellungsjury oder besorgt das heikle Geschäft der Ausstellungshängungen.

 

In Hans Fähnles Todesjahr 1968 hat Manfred Henninger (1894-1986) im Künstlerbund gerade erst den Vorsitz von Otto Dix(1891-1969) übernommen. Henninger fällt damit die Aufgabe zu, den Malerkollegen im Katalog zur 14. Jahresausstellung in Stuttgart mit einem Nachruf zu würdigen – ein äußerst einfühlsamer Text:

 

 

Hans Fähnle 1903 - 1968

 

Hans Fähnle ist im März 1968 in Stuttgart gestorben. Sein Tod, obgleich während Jahren einer quälenden Krankheit von seinen Kollegen und Freunden geahnt, hat alle, die ihn kannten, erschüttert. Wenn man in seinen Lebensdaten liest, so hat man die Tragik einer Generation vor sich. Den ersten Weltkrieg erlebt er als Gymnasiast in Heilbronn. Er besucht das evangelisch-theologische Seminar in Schöntal und Urach. 1922 beginnt er seine Studien an der Stuttgarter Akademie bei Poetzelberger, Breyer und Speyer. 1923-24 ist er ein Semester bei Hans Meid und lebt in Berlin. 1925-28 ist er Meisterschüler bei Prof. Burmester in Kassel. Um diese Zeit entstand das „Atelierinterieur“, das wir in der Ausstellung zeigen. Fähnle konzentriert sich dort ganz auf das Hell-Dunkel. Das Bild, in schwarzen und bräunlichen Tönen, dazwischen weißliche Lichter, ist ein hochbegabtes Bekenntnis des jungen Malers. Erich Schlenker schreibt über sein künstlerisches Streben in den Jahren danach: „Nie ist er mit dem Geschaffenen zufrieden. Nur der Glaube, daß menschlicher Einsatz eines Tages Früchte tragen muß, gibt ihm die Kraft zu immer neuer Arbeit und neuem Anfang. Während seiner Berliner Jahre (1929-31) wird er darob fast zu einem Einsamen. Nur ein kleiner Kreis von Freunden weiß um ihn und um den Ernst, der hinter seiner Arbeit steckt. Den meisten scheint er ein Besessener, der sich alle Erfolgschancen verbaut.“ Aus innerer Neigung und durch sein Studium fühlt sich Fähnle zunächst der impressionistischen Tradition der schwäbischen Schule verpflichtet. Sein ehrliches und gewissenhaftes Wesen lassen ihn die künstlerischen und geistigen Einflüsse, die auf ihn eindringen, nur langsam verarbeiten. „Philosophische und religiöse Fragen bewegen ihn mehr als sein eigentlich künstlerisches Werk, das zeitweilig sogar brach liegt und nicht gelingen will, weil es von dieser geistigen Not überschattet wird – der Not des Jahrhunderts, die nun auch die seine ist.“

 

Später wendet er sich eindeutig zum expressiv gesteigerten Farberlebnis, wobei er sich fast konsequent von Natureindrücken führen läßt. Nur selten entstehen rein abstrakte Kompositionen. Während des letzten Krieges, der ihn nach Polen und Russland, nach Frankreich, schließlich in die Gefangenschaft nach Rumänien führt, entstehen Folgen von Zeichnungen, in denen er seine Erschütterung über die Greuel, die er miterleben muß, ausdrückt. Er greift zurück auf die religiöse Gedankenwelt seiner Jugend und symbolisiert das menschliche Drama in der Gestalt eines Christus, der die seelischen Spannungen dieser Hölle erduldet. Im letzten Lebensabschnitt tendiert er immer mehr zur reinen Form und Farbe. Er verzichtet auf die malerische Virtuosität des Anfangs, dafür gewinnen seine Bilder an Ausdruckskraft persönlichster Art. In dieser Zeit werden die lichten Farben ausgeschaltet zugunsten von Schwarz und ungemischten dunklen Tönen. Oft ist in diesen Bildern etwas Düsteres, er liebt nächtliche Stimmungen. Dazwischen finden sich jedoch auch in den letzten Jahren Stilleben und Landschaften, in denen sein inniges Verhältnis zur sinnlichen Welt durchbricht. Sein Leben fällt zum größten Teil in eine Epoche, die wohl zu den tragischsten der neueren Geschichte zählt. Es zwingt uns Bewunderung ab, wie es diesem empfindsamen Menschen möglich war, sich gegen alle Widrigkeiten der Zeit zu behaupten und ein bedeutendes künstlerisches Werk zu schaffen.

 

Manfred Henniger

 

Quelle:

Künstlerbund Baden-Württemberg

14. Jahresausstellung – Stuttgart 1968

Malerei – Graphik – Plastik

12. September bis 13. Oktober 1968 – Württembergischer Kunstverein

Seiten 14 - 15

 

Foto: Familienarchiv Hans Fähnle, Heidelberg

 

Jurysitzung des Künstlerbundes Baden-Württemberg um 1960

 

von rechts nach links:

 

Max Ackermann (1887-1975), Hans Fähnle (1903-1968), Adolf Strübe (1881-1973), Karl Albiker (1878-1961), unbekannt,  Alfred Lörcher  (1875-1962),  Erich Heckel  (1883-1970),  Albert Erich Schlenker  (1904-1961).