Biografisches

 

16. Oktober 2016:

Dr. Jochen Goetze bei seinem Vortrag in der Galerie Fähnle

 

Hans Fähnle - Physiognomie und Abstraktion.

 

 

 

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Hans Fähnle. Physiognomie und Abstraktion. Vortrag Dr. Jochen Goetze. 16.10.2016
Hans Fähnle. Physiognomie und Abstraktio[...]
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Katalog 2013 >Hans Fähnle.Maler<

 

 

 

 

 

 

Eine Fundgrube zur Biografie - Das Katalogbuch: Hans Fähnle. Maler

 

Die Bearbeitung der großen Retrospektive >Hans Fähnle. Maler aus Flein< und des dazu erschienenen Katalogbuch bedurfte erheblicher Vorarbeiten, u. a. die Auswertung des umfangreichen Briefnachlasses. So konnten viele, bislang unbekannte Einzelheiten seines künstlerischen Werdeganges und seiner persönlichen Kontakte zu Freunden, Künstlern und Zeitgenossen zu Tage gefördert werden. Der gesamte neue Kenntnisstand hat in mehreren, reich bebilderten Fachbeiträgen seinen Niederschlag in diesem Katalogbuch gefunden.

 

In der nachstehenden pdf-Datei finden Sie als kleinen Vorgeschmack auf das unentbehrliche Katalogbuch die dort abgedruckte, bebilderte Biografie Hans Fähnles.

Auszug aus dem Katalogbuch >Hans Fähnle. Maler<, erschienen zur Ausstellung in Flein 2013.
Biografie Hans Fähnle Katalog Flein 2013[...]
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Hans Fähnle 1933/34: Brieftexte und Bilder aus einer norddeutschen Landschaft an Elbe und Sude: Das niedersächsische Dorf Preten
1933-34. Hans Fähnle im niedersächsische[...]
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Lebensweg eines Malers der "Verschollenen Generation"

Durch zwei Weltkriege - Vom Kaiserreich durchs Dritte Reich in die junge Bundesrepublik

Fotopostkarte der Kunstakademie Kassel vom 25.1.1926 Hans Fähnle an die Familie: "X mein Atelier". Familienarchiv Hans Fähnle.

2013 konnten wir Hans Fähnles 110. Geburtstag begehen. Am 12. Juni 1903 in Flein bei Heilbronn geboren, wo der Vater Schuldirektor war, wurde seine Schulzeit am Karlsgymnasium in Heilbronn und den Theologischen Seminaren in Schöntal und Urach mit dem Abschluss des Abiturs durch den Krieg überschattet. Zunächst mit dem Berufsziel Zeichenlehrer begann er 1922 sein künstlerisches Studium in Stuttgart an der Kunstgewerbeschule und setzte es an der Kunstakademie bei den impressionistisch geprägten Professoren Robert Poetzelberger, Christian Speyer und Robert Breyer fort.

 

Ende 1924 wechselte er an die Berliner Vereinigten Staatsschulen für Kunst in ein Meisteratelier des Grafikers und Malers Hans Meid und ging 1925 an die Kunstakademie Kassel als Meisterschüler von Georg Burmester. Der Kasseler Zeit folgten ab 1928 künstlerische Wanderjahre zwischen Berlin, Bodensee, Hofheim/Taunus, Frankfurt/Main, Stuttgart und Orten in der norddeutschen Provinz oder an der Ostsee, wo sein Bruder Ernst als Gutsverwalter tätig ist.

Ende 1930er Jahre im Stuttgarter Atelier Schützenstraße. Foto: Familienarchiv.

1935 ließ sich Hans Fähnle endgültig in Stuttgart nieder, zunächst in Bad Cannstatt, dann in der Schützenstraße 21. In seinen letzten zwei Jahrzehnte wohnte und arbeitete er im bis heute erhaltenen, städtischen Atelierhaus Ameisenbergstraße 61. Unmittelbare Ateliernachbarn waren sein lebenslanger Malerfreund Rudolf Müller, der ältere Eugen Stammbach und Heinrich Kübler. Den Bodensee suchte er seit 1926 immer wieder zum Malen auf. Seit dem Umzug der Eltern in ihren Überlinger Altersruhesitz in der Goldbacher Straße hatte er auch dort ein ständiges Atelier.

Trotz künstlerischer Gleichschaltung durch die Reichskunstkammer ab 1933 widmete das Kunsthaus Schaller Hans Fähnle noch 1936 eine erfolgreiche Einzelausstellung. Für seine expressiv realistischen Werke blieb ihm jedoch nur ein kleiner Kreis privater Sammler - der künstlerische Überlebenskampf zermürbte ihn. Sein Bruder Ernst schilderte diese schwierige Phase: „…Die Hitlerzeit lässt ihn sehr zurückgezogen leben. Einigen treuen Freunden verdankt er das Existenzminimum, denn er hat nun endgültig darauf verzichtet, Zeichenlehrer zu werden…“

 

1941 wurde er Soldat, von 1943 bis 1945 bei einem Transportsicherungsregiment in Russland, Frankreich und auf dem Balkan eingesetzt. 1944 fielen sein Atelier und Teile seines Werkes den Bomben zum Opfer. Zu diesen Verlusten kam ein beginnendes Leiden, das ihn von nun an nicht mehr los lassen würde: Eine zunehmend schmerzhafte Krankheit in den Beinen mit langen Phasen der Schlaflosigkeit - vielleicht eine Folge des ungeschützten Umgangs mit schwermetallhaltigen Farben oder, nach Einschätzung seines späteren Arztes, das „Burning Feet-/Restless-Legs-Syndrom“ - für die zu dieser Zeit noch keine Therapie zu finden war.

Hans Fähnle um 1950. Familienarchiv Hans Fähnle.

Die Rückkehr aus Gefangenschaft zeigt Hans Fähnle jedoch keineswegs entmutigt. Gemeinsam mit Rudolf Müller, dem Malerfreund der frühen Akademietage, wirkt er ab 1946 beim Wiederaufbau des Stuttgarter Atelierhauses Ameisenbergstraße mit. 1947 ist er Gründungsmitglied und zeitweilig Dozent der Freie Kunstschule Stuttgart, seit der Gründung 1955 Mitglied des Künstlerbundes Baden-Württemberg und dessen Jury sowie der Künstlergruppe Freie Gruppe Stuttgart.

Langjährige Freundschaften verbinden ihn mit dem Kreis um Wilhelm Geyer und mit Künstlern wie Richard Hohly, Heinrich Wildemann, Franziska Sarwey, Franz Frank oder der Malerin und Galeristin Hanna Bekker vom Rath, die den jungen Maler sehr fördert, ihm schon seit den 1920er-Jahren wiederholt Aufenthalte in Berlin, Hofheim  am Taunus und Frankfurt am Main ermöglicht oder ihre eigenen Atelierräume nutzen ließ.

Im Überlinger Garten Ende der 50er Jahre. Familienarchiv Hans Fähnle.

Das impressionistisch geprägte Frühwerk wird in den 1930er Jahren von einer zunehmend expressiven Malweise abgelöst. Unterdrückung und Krieg finden in den expressiven Kreidezeichnungen der Mappe „Passion 1942“ ihren konzentrierten Niederschlag. Im Jahrzehnt nach 1945 verarbeitet Hans Fähnle die Erfahrungen der NS-Zeit in ausdrucksstarken Figuren und Figurengruppen, experimentiert mit surrealen Motiven und steigert seinen pastosen Farbauftrag noch. Daneben bleibt er seinen expressiv gegenständlichen Blumenbildern treu, die er immer wieder „vor der Natur“, in den Gärten der Familie und Freunde treffsicher und farbensprühend einfängt. Neben Reiseeindrücken beschäftigen ihn bis zuletzt die Bodenseelandschaft, religiöse Themen und Szenen existenzieller Erfahrung als Folge seiner Kriegserlebnisse und des eigenen Leidens. Im letzten Lebensjahrzehnt verdichtet er seine aus Figur, Natur und tiefem menschlichen Empfinden gewonnenen Motive zu abstrakten, starkfarbigen Zeichen von berührender Symbolkraft. Unter diesen Motiven entfalten die sogenannten „Dückdalbenbilder“ eine besondere Faszination: Einzelne Pfähle oder Pfahlgruppen im Wasser werden mit Himmel, Sonne oder Mond und deren Spiegelungen zum unverwechselbaren Extrakt seiner Bodenseelandschaften.

 

Am 12.03.1968 Stuttgart stirbt Hans Fähnle in seinem Stuttgarter Atelier in der Ameisenbergstraße 61 an den Folgen eines krankheitsbedingen Sturzes.

 

 

Seit seiner Gründung 1955 ist Hans Fähnle engagiertes Mitglied im Künstlerbund Baden-Württemberg, zeigt seine Werke bei dessen Jahresausstellungen, ist wiederholt Mitglied der Ausstellungsjury oder besorgt das heikle Geschäft der Ausstellungshängungen.

 

In Hans Fähnles Todesjahr 1968 hat Manfred Henninger (1894-1986) im Künstlerbund gerade erst den Vorsitz von Otto Dix(1891-1969) übernommen. Henninger fällt damit die Aufgabe zu, den Malerkollegen im Katalog zur 14. Jahresausstellung in Stuttgart mit einem Nachruf zu würdigen – ein äußerst einfühlsamer Text:

 

 

Hans Fähnle 1903 - 1968

 

Hans Fähnle ist im März 1968 in Stuttgart gestorben. Sein Tod, obgleich während Jahren einer quälenden Krankheit von seinen Kollegen und Freunden geahnt, hat alle, die ihn kannten, erschüttert. Wenn man in seinen Lebensdaten liest, so hat man die Tragik einer Generation vor sich. Den ersten Weltkrieg erlebt er als Gymnasiast in Heilbronn. Er besucht das evangelisch-theologische Seminar in Schöntal und Urach. 1922 beginnt er seine Studien an der Stuttgarter Akademie bei Poetzelberger, Breyer und Speyer. 1923-24 ist er ein Semester bei Hans Meid und lebt in Berlin. 1925-28 ist er Meisterschüler bei Prof. Burmester in Kassel. Um diese Zeit entstand das „Atelierinterieur“, das wir in der Ausstellung zeigen. Fähnle konzentriert sich dort ganz auf das Hell-Dunkel. Das Bild, in schwarzen und bräunlichen Tönen, dazwischen weißliche Lichter, ist ein hochbegabtes Bekenntnis des jungen Malers. Erich Schlenker schreibt über sein künstlerisches Streben in den Jahren danach: „Nie ist er mit dem Geschaffenen zufrieden. Nur der Glaube, daß menschlicher Einsatz eines Tages Früchte tragen muß, gibt ihm die Kraft zu immer neuer Arbeit und neuem Anfang. Während seiner Berliner Jahre (1929-31) wird er darob fast zu einem Einsamen. Nur ein kleiner Kreis von Freunden weiß um ihn und um den Ernst, der hinter seiner Arbeit steckt. Den meisten scheint er ein Besessener, der sich alle Erfolgschancen verbaut.“ Aus innerer Neigung und durch sein Studium fühlt sich Fähnle zunächst der impressionistischen Tradition der schwäbischen Schule verpflichtet. Sein ehrliches und gewissenhaftes Wesen lassen ihn die künstlerischen und geistigen Einflüsse, die auf ihn eindringen, nur langsam verarbeiten. „Philosophische und religiöse Fragen bewegen ihn mehr als sein eigentlich künstlerisches Werk, das zeitweilig sogar brach liegt und nicht gelingen will, weil es von dieser geistigen Not überschattet wird – der Not des Jahrhunderts, die nun auch die seine ist.“

 

Später wendet er sich eindeutig zum expressiv gesteigerten Farberlebnis, wobei er sich fast konsequent von Natureindrücken führen läßt. Nur selten entstehen rein abstrakte Kompositionen. Während des letzten Krieges, der ihn nach Polen und Russland, nach Frankreich, schließlich in die Gefangenschaft nach Rumänien führt, entstehen Folgen von Zeichnungen, in denen er seine Erschütterung über die Greuel, die er miterleben muß, ausdrückt. Er greift zurück auf die religiöse Gedankenwelt seiner Jugend und symbolisiert das menschliche Drama in der Gestalt eines Christus, der die seelischen Spannungen dieser Hölle erduldet. Im letzten Lebensabschnitt tendiert er immer mehr zur reinen Form und Farbe. Er verzichtet auf die malerische Virtuosität des Anfangs, dafür gewinnen seine Bilder an Ausdruckskraft persönlichster Art. In dieser Zeit werden die lichten Farben ausgeschaltet zugunsten von Schwarz und ungemischten dunklen Tönen. Oft ist in diesen Bildern etwas Düsteres, er liebt nächtliche Stimmungen. Dazwischen finden sich jedoch auch in den letzten Jahren Stilleben und Landschaften, in denen sein inniges Verhältnis zur sinnlichen Welt durchbricht. Sein Leben fällt zum größten Teil in eine Epoche, die wohl zu den tragischsten der neueren Geschichte zählt. Es zwingt uns Bewunderung ab, wie es diesem empfindsamen Menschen möglich war, sich gegen alle Widrigkeiten der Zeit zu behaupten und ein bedeutendes künstlerisches Werk zu schaffen.

 

Manfred Henniger

 

Quelle:

Künstlerbund Baden-Württemberg

14. Jahresausstellung – Stuttgart 1968

Malerei – Graphik – Plastik

12. September bis 13. Oktober 1968 – Württembergischer Kunstverein

Seiten 14 - 15

 

Foto: Familienarchiv Hans Fähnle, Heidelberg

 

Jurysitzung des Künstlerbundes Baden-Württemberg um 1960

 

von rechts nach links:

 

Max Ackermann (1887-1975), Hans Fähnle (1903-1968), Adolf Strübe (1881-1973), Karl Albiker (1878-1961), unbekannt,  Alfred Lörcher  (1875-1982),  Erich Heckel  (1883-1970),  Albert Erich Schlenker  (1904-1961).