Bauherr der Galerie Fähnle: Ernst Paul Georg Fähnle (1899-1984)

 

Der folgende Text erschien 2019 als Beitrag in der Publikation

Kunstwerke an Gebäuden - Vielfalt und Verluste - herausgegeben vom Bund Heimat und Umwelt in Deutschland (BHU)

 

(Das Buch wird an Interessenten kostenlos abgegeben, Spenden sind erwünscht.

Bestellung beim Herausgeber BHU: info(at)bhu.de)

 

 

Im ersten Teil wird der Bauherr der Galerie Fähnle, Ernst Fähnle, vorgestellt: Sein beruflicher Werdegang, seine Affinität zur Kunst, die enge Beziehung zum Werk seines Bruders Hans Fähnle.

 

Der zweite Teil beschäftigt sich mit dem Hauptwerk Ernst Fähnles, seinem Skulpturenfries auf der Südfassade der Galerie Fähnle.

 

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Ein Kubus für die Kunst

Skulpturenfries als Markenzeichen einer Galerie in Überlingen

Volker Caesar

 

Keine Galerie am Bodensee bietet den Besuchern schon auf dem Hinweg so viel Spannung und Erlebnis wie die Galerie Fähnle. Aus der Dorfmitte des Überlinger Weilers Goldbach durch den uralten Felsenweg zu Hans Fähnles geliebtem Malort auf der Felsenkante mit einem grandioser Blick über den See auf die ferne Alpenkulisse. Nur wenige Schritte weiter leuchtet hoch am Hang ein weißer Kubus. Ein Skulpturenfries am Galeriesockel kündigt den Kunstort an.

 

(Dieser Text erschien 2019 als Beitrag in der Publikation "Kunstwerke an Gebäuden - Vielfalt und Verluste", Herausgeber: Bund Heimat und Umwelt in Deutschland (BHU | www.bhu.de)

Das Gebäude

 

1969 baute Ernst Fähnle einen avantgardistischen Kubus zur Bewahrung und Präsentation des umfangreichen künstlerischen Nachlasses seines verstorbenen Bruders Hans Fähnle (1903-1968): Rund 350 Gemälde, mehr als 2000 Arbeiten auf Papier. Darüber hinaus sind innen und außen rund 60 Bildhauerarbeiten von Ernst Fähnle bewahrt. 2019 feiert die Galerie ihren 50. Geburtstag. Unverändert, authentisch und lebendig wird hier das Lebenswerk zweier Künstler der Verschollenen Generation gepflegt: Expressiver Realismus ›live in einem Kulturdenkmal von besonderer Bedeutung.

 

Über dem hohen Sichtbetonsockel kragt der weiß verputzte Bildersaal der Galerie weit aus. In steiler Hanglage über Straße und See entfaltet der strenge, fensterlose Kubus die Wirkung einer gebauten Großplastik. Treppenweg und Grundstück gewähren weite Ausblicke über den See. Das Innere ist ein Muster von Galerienutzung auf engstem Raum. Lichtfülle und intime Atmosphäre des Bildersaals laden ein zu „Kammerspielen“ der Kunst. „Gastspiele“ gaben schon Künstler wie Ida Kerkovius, HAP Grieshaber, Erich Heckel, Maria Caspar-Filser, Julius Herburger, Paul Kleinschmidt oder Julius Bissier, ebenso Fähnles Stuttgarter Malerfreunde wie Rudolf Müller, Alfred Wais oder Franz Frank sowie junge zeitgenössische Künstler.

 

Nach Eröffnung der Galerie Fähnle 1970 schenkte Ernst Fähnle Grundstück, Gebäude und Kunstsammlung 1975 der Stadt Überlingen. Seit 2012 verantwortet der Förderverein Galerie Fähnle e.V. die Pflege der Kunstsammlung und das wechselnde Programm. Daneben organisiert der Verein die systematische Bestandsdokumentation sowie die schrittweise Restaurierung der Kunstsammlung.

 

Beim Galeriebesuch des Internationalen Bodensee Clubs sagte Ernst Fähnle 1974:

Dass ich Sie hier begrüssen kann, verdanke ich einem Versprechen, das ich meinem verstorbenen Bruder gegeben habe. Nämlich einen guten Querschnitt seines hinterlassenen Werkes zusammenzuhalten, solange mir das möglich ist. Zu diesem Zweck habe ich diesen Pavillon gebaut und darin ca. 400 Arbeiten, Ölbilder, Tempera und Aquarelle nebst der ganzen hinterlassenen Grafik untergebracht.

Da ich der Sammlung einige Dauer gewährleisten will, ich selbst aber die 75 überschritten habe, hielt ich es für das Beste, das Ganze der Öffentlichkeit, in diesem Falle der Stadt Überlingen zu übereignen. Die Stadt hat inzwischen die Schenkung angenommen …

… Wenn ich meine Bildhauerarbeiten in die Galerie mit einbezogen habe, so geschah dies einmal, um den Raum besser zu gestalten, andererseits weiss ich mich darin auch in Übereinstimmung mit meinem Bruder, dem ich es verdanke, dass ich mich noch im vorgerückten Alter, dem Jugendtraum einer zweckfreien schöpferischen Arbeit hingeben konnte. …*


* Manuskript Ernst Fähnle anlässlich des Besuchs des Bodenseeklubs (IBC) in der Galerie Fähnle am 14. Dezember 1974. Stadtarchiv Überlingen

Ernst Fähnle - auf Umwegen zur Kunst

Ernst Paul Georg Fähnle kommt am 4. April 1899 in Dünsbach/Hohenlohe* als ältestes von vier Kindern zur Welt. Dort ist sein Vater Paul Fähnle als Lehrer tätig. Nach Schulausbildung und landwirtschaftlichem Praktikum beginnt er am 18. April 1923 sein Studium an der Landwirtschaftlichen Hochschule Hohenheim (Stuttgart), die er im Juli 1925 als Diplomlandwirt verlässt. Ausschlaggebend für die Berufswahl sind Familienangehörige seiner Mutter Marie Luise Fähnle (geb. Schwarz), die große Güter bewirtschaften bzw. verwalten. Insbesondere ein Bruder der Mutter, lädt Ernst Fähnle wiederholt ein, sich auf verschiedenen Gutshöfen in der Niederlausitz umzusehen: … In Dresden haben wir uns [Ernst und Hans F.] alle Sehenswürdigkeiten angesehen. Die Gemäldegalerie ist ja wunderbar. Dann sind wir von Dresden in die Grafschaft marschiert [Grafschaft von Brühl, Pförten, heute Prody in Polen]. Der Aufenthalt hier hat sich etwas ausgedehnt, bis ich alle Bekannten besuchte und mir die Güter angesehen hatte. … (Ernst Fähnle am 28.07.1923 an seine Eltern**).

 

Der Brief, geschrieben während der ersten Semesterferien in Hohenheim, verrät bereits die eigentliche Leidenschaft des 24-jähigen: Die Kunst! Wird ihm damals schon bewusst gewesen sein, dass er - ohne Landbesitz – immer Verwalter, „Weisungsempfänger“ eines Gutsbesitzers sein würde mit regelmäßigem Leistungsnachweis seiner – erfolgreichen – Bewirtschaftung? Gleichwohl schien seine Berufswahl dank des familiären Hintergrunds sinnvoll.

 

Die Brüder Ernst und Hans studierten fast zur gleichen Zeit. In den Krisen und Inflationsjahren nach dem Ersten Weltkrieg fiel es den Eltern daher nicht leicht, dem Drängen des jüngeren Hans nachzugeben und ihm ein Kunststudium zu ermöglichen anstelle einer gesicherten Ausbildung als Lehrer oder evangelischer Pfarrer. Gerade durch die Ausbildung an den Kunstakademien in Stuttgart, Berlin und Kassel dürfte sich zwischen den Brüdern der regelmäßige Austausch über Kunstdinge verstärkt haben. Aus der nachgelassenen Korrespondenz erfährt man, dass Ernst Fähnle den Kreis der Künstlerfreunde seines Bruders frühzeitig kennenlernt und selbst Teil dessen wird. Die Freundschaften überdauern z.T. Jahrzehnte, wie etwa die mit Heinrich Wildemann, der späteren Willy Baumeister als Professor an der Kunstakademie Stuttgart nachfolgt.

 

Im Juli 1925 schließt Ernst Fähnle sein Studium an der Landwirtschaftlichen Hochschule Hohenheim ab. Seine erste Stelle tritt er im Thüringischen Straußfurt bei der „Gräflich von Brühlschen Rittergutsverwaltung“ an. Auch dorthin reicht der „lange Arm“ der Familie, denn „Onkel Ernst“ (Oberamtmann Ernst Schwarz) ist für die Von Brühlsche Güterverwaltung an leitender Stelle auf Schoss Pförten (heute Brody in Polen) tätig.


* Dünsbach/Hohenlohe, heute Stadt Gerabronn Krs. Schwäbisch Hall

** Dieses und alle folgenden Briefzitate entstammen der nachgelassenen Korrespondenz im Familienarchiv Hans Fähnle/Heidelberg.

Abb. 5: Familie Fähnle im Schulgarten von Flein um 1925, von links: Ernst, Ruth, Hans, Vater Paul mit Gotthold, Mutter Luise. Foto: Familienarchiv Hans Fähnle Heidelberg

 

1926 - Künstlerische Auszeit

 

Die Kunstakademie Kassel, an die der Bruder Hans inzwischen gewechselt ist, ermöglicht gelegentliche Treffen. Der Kasseler Kunstbetrieb bleibt nicht ohne Wirkung auf Ernst Fähnle. Bereits nach einem Jahr kündigt der junge Diplomlandwirt seine Stelle und schreibt seinem Bruder am 12.08.1926:

… die enge Eingrenzung und Einspannung in den Kreis der täglichen Arbeit, die gerade jetzt wieder größere Anforderungen an den physischen und psychischen Menschen stellt, lässt einen nicht so recht zu sich selber kommen.

… es ist wirklich zwecklos, daß man in so einen stagnierenden Tümpel eine Angel hängt.

Ich habe zu 15. Sept. gekündigt und werde spätestens bis 1. Okt. frei. Die paar Mark, die ich mir bis dahin erspart habe, werden mir über die erste Zeit weghelfen, und sonst habe ich ein gutes Vertrauen zu mir selber. …

 

Ernst Fähnle zögert nicht lange. Bereits am 20. September 1926, während sein Bruder den Malsommer am Bodensee verbringt, meldet er sich aus Kassel:

Mein lb. Hans! … nun wirst Du Dich vielleicht wundern, wenn Du hörst, daß ich schon in Cassel bin.

Und heute früh kam ich in Cassel an. Berlin zu besuchen hätte mich zuviel gekostet. Hier im Kunstverein ist übrigens auch eine Corinth-Ausstellung, die ich mir morgen ansehen will. …Wohnen tu ich … 1 Minute von der K. Academie …

Vorerst lasse ich Cassel auf mich wirken, und erhole mich in den schönen Anlagen.

Ich muß erst wieder in Kontakt kommen mit Kunst im Allgemeinen und bildender K. im speziellen, denn die (… !) Dauerarbeit von früh 5h bis abends 9.00-10h tötet einem ja allen höheren Flug. …

 

Obwohl Kassel für Ernst Fähnle ein Intermezzo bleibt, vertiefen und klären die vier Monate an der Akademie seine Beziehung zur Kunst. Die Nachricht von seiner berufliche „Auszeit“ dürfte die Eltern in Aufregung versetzt haben. Will nun auch der ältere Sohn die sichere Laufbahn gegen eine „brotlose“ Zukunft eintauschen? Der jüngere Hans übernimmt die Aufgabe, die Eltern zu beruhigen und schreibt dem Vater im November 1926:

… Doch macht Euch ja um mich und Ernst keine Sorgen! Im Großen und Ganzen gehts uns nämlich sehr gut. … 2 mal in der Woche essen wir beide bei Frau Intendant Bekker. … Für Ernst ist der ganze Betrieb natürlich sehr interessant. Es schadet ihm ja nichts ein ganz neues Stück Leben kennen zu lernen. – Auf jeden Fall geht alles ganz gut vorwärts. … Ernst ist gerade [zum Malen] in der Landschaft, den schönen Herbsttag zu benützen. …

 

Ernst Fähnle lernt den Akademiebetrieb und die Künstlerfreunde des Bruders näher kennen. Die Einladungen im Hause von Hanna Bekker vom Rath* weiten seinen Blick auf die Kunst- und Kulturszene. Und das Wichtigste: Er findet endlich Zeit zum Malen.

 

Ist es die Sorge um die Finanzierung eines zweiten Studiums oder traut Ernst Fähnle der eigenen Befähigung noch nicht? Anfang 1927 verlässt er Kassel, um eine neue Stelle auf dem Berliner Stadtgut Schönerlinde (später dann auf dem Stadtgut Werben) anzutreten. Die Nähe zur Großstadt, erlaubt, neben dem Beruf am Kunst- und Kulturgeschehen teilzuhaben. Seine Zweifel sind damit nicht überwunden, wie er an seinen Bruder Hans schreibt, der nach seiner Kasseler Zeit immer wieder lange Malaufenthalte in Berlin einlegt: … Allerdings wenn ich dann den alten Kram [die Landwirtschaft] an den Nagel hänge dann gibt es für mich kein Zurück mehr. … (28. September 1927)

 

Gemeinsam besucht man Kunstausstellungen, das Theater, malt und übt gegenseitig Kritik. Dass Ernst in dieser Zeit bereits bildhauerisch arbeitet, verrät nur ein Nebensatz: … Der Kopf, den Du von mir gemacht, ist leider stark gesprungen … (Hans Fähnle 1932).

 

Im selben Jahr tritt der Vater Paul Fähnle in den Ruhestand. Die Eltern müssen die Dienstwohnung im Schulhaus von Flein bei Heilbronn räumen und die Familie baut in Überlingen in der Goldbacher Straße ein Wohnhaus als Altersruhesitz. Beide Söhne wirken am Neubau mit. Hans Fähnle kann sich im Untergeschoss ein bescheidenes „Sommeratelier“ einrichten, das nach Kriegsende auch von Ernst genutzt wird. Der Überlinger Altersruhesitz in der Goldbacher Straße wir für die ganze Familie zum dauerhaften Refugium.


* Hanna Bekker vom Rath (1893-1959), Malerin, Galeristin, langjährige Förderin von Hans Fähnle

 

1933 – Erneut eine Auszeit für die Kunst

 

Auf einer ausgedehnten Radtour besucht Ernst Fähnle verschiedene Museen vom Rheinland bis nach Norddeutschland. Noch haben „Übergriffe“ durch die Nazis kaum begonnen. Seinem Bruder schildert er Kunsteindrücke etwa aus der Kunsthalle Mannheim: … Der Saal mit Franzosen hängt noch und ist z. Teil sehr sympathisch… oder aus der Bremer Kunsthalle: … Eine Landschaft von Cézanne, leicht, ein hübsches kl. Stilleben von Renoir, von Manet Dichter [Zacharie] Astruc schön aber etwas viel Impression. Aber eine wunderbare kleine Landschaft in grün-oliv u. ocker von Delacroix, eine feine Landschaft von Corot. Courbet frappant in der lebendigen Wirklichkeitsnähe eines Stillebens, … Renoir sehr duftig in einer kl. Landschaft u. einem Bildnis. Die kleine Hagar von Daumier ein sehr schöner Akt. Schönes Mohnfeld v. Van Gogh. Ein Munch Die tote Mutter – der reinste Hohly [Stuttgarter Malerfreund Richard Hohly, 1902-1995]. … (24. Mai 1933)

 

Die Reise endet auf dem von seinem Schwager und der Schwester Ruth bewirtschafteten Hofgut Preten nahe der Elbe. Dort arbeitet er mit, malt ausgiebig, hofft auf Selbständigkeit und ein eigenes Atelier: … Farben reibe ich mir selbst. Alles nötigste habe ich. Z.Zt. male ich an einem Selbst-Halbakt. Sobald er trocken ist geht er Dir mit einem andern Selbstbildnis zu. Die Lichtverhältnisse sind natürlich hier auch miserabel. … Ich verliere natürlich das Ziel, irgend wie unabhängig zu werden, nie aus dem Auge, und einmal wird’s schon werden. … (23. Juli 1933)

 

Auch diese Auszeit geht zu Ende und Ernst Fähnle tritt Anfang 1934 eine neue Gutsverwalterstelle an. Allerdings nimmt fortan in den Briefen der Brüder ein gemeinsamer „Plan“ breiten Raum ein: Erwerb einer eigenen, kleinen Hofstelle zur Selbstversorgung mit Atelier zur künstlerischen Arbeit – es bleibt ein Aussteigertraum.

 

Ernst Fähnles Güterverwaltungen wechseln bis Kriegsende noch mehrfach. In den Briefen überwiegen nun bis 1945 existenzielle Themen - der zunehmende politische Druck, die Gleichschaltung von Kunst und Kultur und die Auswüchse der Verfemung, Krieg und psychischer Druck. Hans Fähnle hält sein Atelier vor fremden Augen verschlossen, konzentriert sich auf „Brotkunst“ - Wand- und Fassadendekorationen, Kunstverglasungen, Werbung, technische Zeichnungen. Ernst Fähnle unterstützt ihn finanziell.

 

 

Keine Zeit für Stunde Null

 

Im Herbst 1945 trifft man sich in Überlingen wieder. Nach Zerstörung des Ateliers organisiert Hans Fähnle 1946 seinen Neuanfang in Stuttgart und beschickt sofort die ersten Ausstellungen. Ernst Fähnle kehrt nicht in seinen Beruf als Diplomlandwirt zurück, übernimmt Hilfs- und Forstarbeiten sowie kleine Aufträge und bleibt im Überlinger Elternhaus bei der inzwischen verwitweten Mutter. Er stellt seine früheren Kontakte und Netzwerke wieder her und trifft die alten Künstlerfreunde in Stuttgart. Das Entscheidendste ist jedoch: Ernst Fähnle kann sich endlich … dem Jugendtraum einer zweckfreien schöpferischen Arbeit hingeben … (Zitat aus einem Vortragsmanuskript 1974).

 

Schon am 10.12.1946 berichtet Ernst Fähnle seinem Bruder Hans von Versuchen mit Steinguss: … Meine Zementerei hier ist fertig und schon ziemlich hart. Doch bindet es bei dem wechselnden Wetter eben langsam …, und nutzt dessen Atelier im Elternhaus. Später schenkt ihm ein Stuttgarter Sammlerehepaar ein geräumiges Gartenhauses als Überlinger Atelier.

 

In den 1950er und 60er Jahren werden die brieflichen Nachrichten spärlich. Über die Außenwirkung der bildhauerischen Tätigkeit Ernst Fähnles erfahren wir wenig. Seine Skulpturen werden von Sammlern und Freunden erworben. Aus diesem Kreis kommen Aufträge für Steinreliefs für Gärten oder Gräber: … Mit Frl. Schnürle muß ich … ihr neues Grabmal ansehen, sie findet es bei weitem nicht so gut wie das alte von Dir … (Hans Fähnle am 11. Juli 1961). Hans stellt Kontakte zu Kunsthandlungen her und vermittelt Entwürfe von Bauplastik an Stuttgarter Architekten. Den größten und bislang unerschlossenen Fundus an Skulpturen aus Steinguss, Sandstein, Terrakotta oder Holz birgt jedoch die Galerie Fähnle selbst. Darunter ist nach Dimension und Motiv Ernst Fähnles Flachrelief auf der Südwand des Galeriesockels ein Höhepunkt.

 

Abb. 11: Galerieschrank mit Kleinskulpturen von Ernst Fähnle, Zustand 2009. Foto: V. Caesar

 

Die Bauaufgabe als Referenz an den Bruder

 

Unmittelbar nach dem Tod des Bruders lässt Ernst Fähnle durch den Überlinger Architekten Eugen Rugel die Galerie planen und erhält am 27. Januar 1969 die Baugenehmigung zur „Erstellung eines Ausstellungshauses für Gemälde und Plastiken und Kläranlage …“. 1970 wird die Galerie Fähnle eröffnet*. Ernst Fähnle sorgt in den nächsten Jahren selbst für deren Betrieb und Präsentation. 1975 schenkt er Grundstück, Gebäude und Kunstsammlung der Stadt Überlingen.

 

Ernst Fähnle stirbt am 13. August 1984 in Überlingen, hier ein Auszug aus dem Nachruf:

Ein Sachwalter großer Kunst - Zum Tode von Ernst Fähnle

… Hinter dem selbstgewählten Dienst an Werk und Andenken des Bruders [Hans] trat Ernst Fähnle gern zurück. Dabei brauchte sich seine eigene Lebensleistung keineswegs zu verstecken, schon gar nicht sein eigenes Schaffen als Bildhauer, eine Frucht spätester Jahre, das jenem von Hans Fähnle unaufdringlich Bescheid tat. Schwere, wie unter Mühen aus der Erde gehobene Skulpturen fanden da zur vollen Sinnlichkeit der Form, als wollten sie noch einmal augenfällig machen, wie groß die Mächte der Beharrung gewesen sein mußten, denen die Brüder Fähnle ihren Aufschwung abgewonnen haben. …**


* Volker Caesar. Der Maler Hans Fähnle – in Überlingen „verschollen“? in: Denkmalpflege in Baden-Württemberg, Heft 1. 2010

(https://journals.ub.uni-heidelberg.de/index.php/nbdpfbw/article/view/11471/5325)

** aus dem Nachruf für Ernst Fähnle, Text Guntram Brummer, Leiter des städtischen Kulturamts Überlingen, Abdruck im SÜDKURIER 18. August 1984, Stadtarchiv Überlingen

Abb. 14: Galerie Fähnle, Skulpturenfries von Ost nach West. Foto: Landesamt für Denkmalpfl ege im RP Stuttgart, F. Pilz.

 

Ernst Fähnles Lebensfries

Der seit Mitte der 1920er Jahre andauernder Diskurs über Themen der bildenden Kunst findet in den jeweiligen Werken der Brüder Fähnle seine Entsprechung. Sie regen sich gegenseitige an, verfolgen etwa beim Figurenbild ähnlich Wege, um existenzielle Erfahrungen, menschliches Empfinden und körperlichen Ausdruck in reduzierte und zunehmend abstraktere Formen umzusetzen. Ein 1962 entstandenes Gemälde zeigt, wie stark die brüderlichen Werke miteinander verflochten sein können: Hans Fähnles malt in einer Strandszene drei Zementguss-Skulpturen von Ernst Fähnle (Sitzende, Liegende, Stehender).

 

In der Inventarliste aus dem Jahr der Galerieeröffnung 1970 beschreibt Ernst Fähnle seine wandfüllende Arbeit äußerst knapp: Fries „Das Leben“ 9 Reliefs: Familie, Schule, Welt, Entscheidung, Geist, Freude, Leid, Auf den Wogen des Lebens, Tod. (Aufzählung von rechts nach links d.h. von Ost nach West).

 

Für seinen Figurenfries wählt Ernst Fähnle neun existenzielle Stationen des menschlichen Lebenswegs aus. Die Formensprache ist deutlich naturalistischer als bei seinen zeitgleichen Werken. Will er damit ein breiteres Publikum ansprechen? Einzelne Figuren erklären sich selbst, etwa Familie und Schule oder das Gegensatzpaar Freude und Leid oder Tod.

 

Die drei Motive Welt, Entscheidung und Geist gehören nach Ernst Fähnles Inventarliste zusammen. Die Welt ist eine große, stattliche Frauenfigur, die die Arme hinter dem Kopf verschränkt und ihren Körper selbstbewußt zeigt, während der männliche Geist mit verschränkten Armen eher nachdenklich zu zweifeln scheint. Welt und Geist flankieren das dritte Thema dieser herausgehobenen Gruppe: Ein kniendes/sitzendes Paar wartet auf die Entscheidung einer dazwischen stehenden männlichen Figur. Folgenschwere Entscheidungen markieren oft genug den Lebensweg Ernst Fähnles. Seine fremdbestimmte Berufsentscheidung droht immer wieder, sein Lebensglück zu zerstören und es bedarf vieler eigener Entscheidungen, um zuletzt Erfüllung in der Kunst zu finden. Auch Hans Fähnle thematisiert solche Brüche des Lebensweges in einem Hauptwerk: „Stunde der Entscheidung“ 1946/47, just in dem Jahr, in dem es für Ernst Fähnle kein Zurück mehr in die Landwirtschaft gibt.

 

Links der Mitte ist Auf den Wogen des Lebens die malerischste Gruppe und ein Blickpunkt. Ein mit drei Personen besetztes, über die Wellen gleitendes Boot muss sich nicht, oder nicht mehr, gegen eine(n) bedrohliche(n) See behaupten. Die Besatzung ist zur Ruhe gekommen, darf den Abschluss ihrer Lebensreise genießen und muss die letzte Station, denTod nicht fürchten.*

 

Der Fries ist originärer Bestandteil der Architektur und muss bereits im Entwurfsstadium mitgedacht sein. Changierende Grautöne und der Abdruck der sägerauen Bretterschalung verleihen dem Sichtbetonsockel eine handwerkliche Anmutung. Wie mit einer großzügigen Schraffur überzogen dient die Wand als „Malgrund“ für das blassrote Skulpturenband, das durch weiche, indirekte Schatten konturiert wird. Zur Goldbacher Straße entfaltet der Fries eine unaufdringliche Signalwirkung als Markenzeichen der Galerie.


* Eine der letzten Arbeiten von Hans Fähnle war ebenfalls ein Zyklus: Fünfteiliger Bildzyklus. 1967 - Drei dunkle Figuren, Freude, Der Mensch unter der Sonne, Leid, Aufbruch. In seinem Werk stellt die Gruppe der fünf aufeinander bezogenen Gemälde eine Ausnahme dar und könnten gleichfalls mit dem Titel „Das Leben“ überschrieben sein.

Abb. 15: Galerie Fähnle, Skulpturenfries (von links: Tod, Auf den Wogen des Lebens, Leid, Freude, Geist, Entscheidung), 2009. Foto: V. Caesar

 

Von der Form zum Guss

An den rot-pigmentierten Zementguss-Figuren lässt sich der Herstellungsprozess nachvollziehen. Die Urformen hat Ernst Fähnle in der gewünschten Größe und Detailgestaltung aus grobem, stark gemagertem Ton auf einem Tisch geformt. Die Tonformen werden dann in einem Rahmen mit Gips übergossen. Nach Aushärten des Gips‘ und Trocknung waren das geschrumpfte Tonmodell und die gewonnene Gipsform gut voneinander zu trennen.

 

Nach weiterer Trocknung folgt der eigentliche Guss. Die flüssige, eingefärbte Zementmasse wurde in die Gipsform gefüllt. Zur Stabilisierung und für die spätere Aufhängung wurden Armierungseisen bzw. Stahldrähte eingelegt. Nach dem Abbinden bzw. Aushärten des Zements wurde die fertige Skulptur von ihrer Gipsform befreien. Da Ernst Fähnle bei seinen Friesfiguren eine grobe Oberfläche anstrebte, bleiben in Vertiefungen Gipsreste erhalten und bezeugen den mit viel Handarbeit verbundenen Modellierungsprozess. Durch den weit ausladenden Überstand des Galeriekubus‘ sind die Figuren kaum einer Bewitterung ausgesetzt und daher, abgesehen von leichter Verstaubung, nahezu im Zustand wie vor 50 Jahren.

 

Ob Ernst Fähnle Vorzeichnungen in originaler Größe oder Entwurfskartons verwendet hat, ist nicht bekannt. Zweifellos wurden jedoch der gesamte Fries und die einzelnen Figurengruppen durch Skizzen und Zeichnungen vorbereitet. Auch die Platzierung auf der Wand und die Anbringung der Aufhängungen verraten Entwurfssicherheit, Erfahrung und große Sorgfalt.

Wachgeküsst und wiederbelebt

 

Durch einen anonymen Anruf Anfang 2007 wurde das Landesamt für Denkmalpflege Baden-Württemberg auf die Galerie Fähnle aufmerksam gemacht: Sie sei in ihrem Fortbestand gefährdet. Das seit fast einem Jahrzehnt geschlossene Ausstellungshaus war in Vergessenheit geraten, Bauunterhaltung wurde gespart, widerholte Wassereinbrüche gefährdeten die Kunstwerke. So reifte bei Eigentümer der Plan, das durch Ernst Fähnles geschenkte Anwesen zu veräußern und die Kunstsammlung zu deponieren. Die noch 2007 vorgenommene Unterschutzstellung* von Gebäude und Sammlung sorgte daher für Verärgerung, war andererseits noch lange keine Gewähr für die Erhaltung. Zur Entwicklung einer langfristigen Strategie mussten Partner gewonnen werden. Einer der ersten war Volker Schaible, Professor für Konservierung und Restaurierung von Gemälden und gefassten Skulpturen an der Akademie der Bildenden Künste Stuttgart. Er erklärte sich nach Besichtigung der gefährdeten Galerie und der vernachlässigten Sammlung spontan bereit, mit seinen Studenten die entscheidenden Schritte zur Erfassung der Kunstwerke zu übernehmen: Eine Datenbank für alle Gemälde**.

 

Bald fanden sich engagierte Kunstfreunde in Überlingen zusammen und gründeten 2012 den Förderverein Galerie Fähnle e.V.*** Ein Aufsatz im Nachrichtenblatt des Landesamtes für Denkmalpflege Baden-Württemberg fasst den damaligen Kenntnisstand zusammen:

„Stell Dir vor, es gibt eine spannende, qualitätvolle Kunstsammlung in einem maßgeschneiderten Gehäuse – und keiner geht hin!“ Unter diesem Motto könnten wir in Abwandlung einer populären Frage nach der „verschollenen“ Galerie Fähnle forschen. In einem beliebten Wohngebiet im Überlinger Westen gelegen, muss ihr Grundstück – Südwesthang mit unverbaubarer Seesicht –

bei jedem kunstfernen Vermarkter große Begehrlichkeiten wecken. …

 

Zähe Überzeugungsarbeit war gefragt, um den Kubus in einen wasserdichten Zustand zu versetzen. Da die Kosten für die Flachdach-Sanierung und die Gebäudehülle unter der „Bagatellgrenze“ lagen (daher keine Förderung aus Landesmitteln), war die Stadt als Eigentümerin erst durch eine Förderung der Deutschen Stiftung Denkmalschutz zum Handeln bewegt werden.


* 2014 erweitert durch die Einstufung als Kulturdenkmal von besonderer Bedeutung gem. §12 DSchG B.-W.

** 2012 folgte die Erfassung und Dokumentation der Arbeiten auf Papier durch die Studierenden der Akademie der Bildenden Künste Stuttgart bei Prof. Dr. Irene Brückle, Studiengang Konservierung und Restaurierung von Kunstwerken auf Papier, Archiv- und Bibliotheksgut. Ausgaben für Archivmaterial und Arbeitsstunden der Studierenden wurden/werden vom Rotary Club Überlingen und ab 2016 durch die Wüstenrot Stiftung gefördert.

*** Förderverein Galerie Fähnle e.V. – www.galerie-fähnle-freunde.de/förderverein/

 

Beharrlichkeit, Ausdauer und endlos viel Zeit

Die ehrenamtlichen Aktivitäten der Fördervereinsmitglieder konzentrierten sich in den ersten Jahren auf Ausstellungen und Veranstaltungen, die die Galerie und ihre Sammlung in der Stadt und Bodenseeregion wieder erfahrbar und zu einem Begriff in der Kunstlandschaft machen sollten. Das ist mittlerweile gelungen, doch nach wie vor für den kleinen Kreis engagierter Mitglieder ein mühsames und aufwändiges Unterfangen: Konzepte, Programme, Mitwirkende, Werbung, Druck von Plakaten und Flyern, Hängung, Vorträge, Führungen, Sponsoring und vieles mehr beanspruchen endlos Zeit, über die z.B. jüngere und im Beruf stehende Personenkreise nur bedingt verfügen. Aber genau die sollten ja mitwirken.

 

Nach wie vor ist die Zusammenarbeit mit der örtlichen Tageszeitung und regionalen Presse unverzichtbar. Dabei wird unterschätzt, dass man »nur« für ein kulturelles Thema um Aufmerksamkeit wirbt. Bescheidene Anteile an den Druckseiten beanspruchen gleichfalls viele örtliche Initiative und Vereine mit größeren Interessentenkreisen. So ist es schwer einzuschätzen, wie letztlich die Entscheidung einer Redaktion ausfällt. Wichtige und umfangreiche Pressetexte sollten erfahrungsgemäß vorab mit Redakteuren besprochen werden. Hilfreich ist eine eigene Webseite, mit der jederzeit ein engerer Kreis von Interessenten schnell und direkt erreicht werden kann. Die Seite sollte neben Grundwissen über das Objekt aktuelle Informationen bereitstellen. Seit August 2011 gibt es: www.galerie-fähnle-freunde.de

 

Rettungsinitiativen für Kunst- und Kulturgüter entstehen oft spontan, mit Empathie und großem Engagement. Gefühl ist ein wunderbarer Antrieb, kann jedoch den Blick auf Strategien und Fernziele trüben. Möglichst früh sollte die Aneignung von Fachwissen über den Schützling genauso intensiv betrieben werden wie der Aufbau von Konzepten für langfristige Erhaltungsstrategien. Leichter geht man diesen Weg im Verbund mit bereits ähnlich agierenden Initiativen vor Ort und in Kenntnis der öffentlichen oder privaten Organisationen, die Rat, Erfahrung und Förderung bereitstellen können. Ein möglichst früher Kontakt zu örtlichen Schulen, Schülern oder Studenten könnte gefährdetes Kulturgut am eigenen Wohnort zum Identifikationsobjekt werden lassen, das neu oder wieder in Besitz genommen und langfristig genutzt wird. Gerade die Gewinnung und Einbindung jüngerer Personenkreise hat der Förderverein Galerie Fähnle e.V. erst spät begonnen. Ungeübt und zu sehr auf die eigene (ältere) Generation fixiert, standen zu Beginn eher die „Zeitzeugen“ im Vordergrund. Aber: Wir arbeiten daran.

 

Abb. 18: Malveranstaltung in der Galerie Fähnle 2016. Foto: V. Caesar

 

Dieser Aufsatz erschien 2019 als Beitrag in der Publikation:

Kunstwerke an Gebäuden - Vielfalt und Verluste

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